Anpassungsfähigkeit als Superkraft: Rodolpho Riskalla
Die olympische Dressur und die paralympische Para-Dressur mit dem Ziel Paris 2024 parallel anzustreben, ist ein außergewöhnlich ambitioniertes Vorhaben. Es erfordert nicht nur sportliche Exzellenz, sondern auch mentale Stärke, Durchhaltevermögen und ein großes Herz – Eigenschaften, die Rodolpho Riskalla in besonderem Maße verkörpert.
Der aktuelle Weltranglistenerste der Grade-IV-Klasse im Para-Dressurreiten und Einzel-Silbermedaillengewinner der Paralympischen Spiele von Tokio startet für sein Heimatland Brasilien. Paris bezeichnet er als seine Wahlheimat, während er derzeit in Deutschland lebt und trainiert. In der internationalen Reitsportszene gilt er längst als globale Inspirationsfigur.
Familiäre Wurzeln und sportliche Laufbahn
Rodolpho wuchs unter der prägenden Anleitung seiner Mutter Rosengele Riskalla auf – Richterin, Trainerin und von Eurodressage.com als Matriarchin der „First Family of Dressage“ bezeichnet. Gemeinsam mit seiner Schwester Victoria machte er früh auf den brasilianischen Jugendturnierplätzen auf sich aufmerksam. Beide trainierten und starteten später auch auf höchstem Niveau in Europa.
Rodolpho entwickelte und förderte Pferde erfolgreich bis zur Grand-Prix-Reife. Während seiner späteren Laufbahn im Para-Dressursport standen ihm Rosengele und Victoria konstant zur Seite – insbesondere während einer sportlichen und persönlichen Odyssee, die 2015 durch eine schwere Gesundheitskrise begann und in den Folgejahren durch die COVID-Pandemie zusätzlich erschwert wurde.
Der Wendepunkt 2015
Der Spagat zwischen olympischer Dressur und Para-Dressur stellt für Pferd und Reiter bereits unter normalen Umständen eine enorme Herausforderung dar. Doch diese sportlichen Belastungen verblassen im Vergleich zu den Ereignissen, die Rodolpho seit seiner Erkrankung im Jahr 2015 bewältigen musste.
Er war nach São Paulo gereist, um Zeit mit seinem schwerkranken Vater zu verbringen, der jedoch verstarb, bevor Rodolpho ankam. Während er seine Familie unterstützte, traf ihn ein weiterer, völlig unerwarteter Schicksalsschlag: Eine bakterielle Meningitis.
Noch am Morgen fühlte sich der damals 31-jährige, gesunde und sportlich aktive Rodolpho vollkommen wohl. In der Nacht entwickelten sich plötzlich grippeähnliche Symptome mit hohem Fieber. Am nächsten Morgen brachte ihn seine Mutter ins Krankenhaus. Wenige Tage später wurde er in ein künstliches Koma versetzt, das fast drei Wochen andauerte.
Während dieser Zeit konnten Herz und Atmung aufrechterhalten werden, doch andere Körpersysteme versagten. Besonders betroffen waren die Extremitäten, da die Durchblutung stark eingeschränkt war. Rodolpho überlebte – doch alle Finger seiner rechten Hand sowie zwei Finger der linken Hand mussten amputiert werden.
Nach der Stabilisierung stand er vor einer weiteren existenziellen Entscheidung: Sollte er versuchen, seine Füße durch zahlreiche weitere Operationen und einen monatelangen Krankenhausaufenthalt zu retten, oder sich für eine Amputation entscheiden? Er entschied sich bewusst für Letzteres.
Neubeginn mit Perspektive
In den Jahren vor seiner Erkrankung verfügte Rodolpho über Pferde, die realistische Chancen auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio gehabt hätten. Kurz vor Ausbruch der Krankheit hatte er sich jedoch aus dem aktiven Turniersport zurückgezogen, um sich auf seine Tätigkeit als Eventmanager für das Modehaus Dior zu konzentrieren. Die Arbeit mit Pferden blieb dennoch ein fester Bestandteil seines Lebens.
Was folgte, war kein Rückzug, sondern ein Neuanfang – getragen von Anpassungsfähigkeit, Disziplin und außergewöhnlicher mentaler Stärke. Eigenschaften, die Rodolpho Riskalla heute nicht nur zu einem der erfolgreichsten Para-Dressurreiter der Welt machen, sondern auch zu einem Symbol dafür, wie Anpassungsfähigkeit zur größten persönlichen Stärke werden kann.

Allen Widrigkeiten zum Trotz
Als Rodolpho Riskalla im Krankenhausbett lag, entfachte sich sein sportlicher Ehrgeiz erneut. An den Wänden seines Aufwachraums hingen Bilder seiner Pferde – ständige Erinnerungen an das Leben, zu dem er zurückkehren wollte. Bereits zu Beginn seiner Rehabilitation bat er darum, bei einem nicht genehmigten Besuch im Stall wieder in den Sattel gehoben zu werden. Er hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Prothesen, doch wie er später gegenüber Eurodressage.com erklärte, „merkte ich, dass ich es schaffen konnte“.
In diesem Moment erkannte Rodolpho jene Eigenschaft, die zu seiner größten Stärke werden sollte: Anpassungsfähigkeit. Die Paralympischen Sommerspiele 2016 sollten in seinem Heimatland Brasilien stattfinden. „Warum nicht?“, fragte er sich.
Als er im Mai 2016 aus der Rehabilitation entlassen wurde, hatte er bereits an zwei Para-Dressurprüfungen teilgenommen – auf einem von einem Freund geliehenen Pferd. Bei den Paralympischen Spielen im September desselben Jahres erreichten Rodolpho und Warenne in Rio de Janeiro Rang zehn. Dieser außergewöhnliche Abschnitt seines Lebens wurde treffend durch die Auszeichnung „Against All Odds“ gewürdigt, die er bei einer FEI-Veranstaltung mit einer bewegenden Rede entgegennahm.
In den folgenden Jahren verfeinerte Rodolpho kontinuierlich seine Leistungen in der Para-Dressur und kehrte parallel mit Don Henrico in die Dressur der Kleinen Tour zurück. Der ausdrucksstarke Fuchshengst, im Besitz der deutschen Dressur-Olympiasiegerin von 1988, Ann Kathrin Linsenhoff, kam 2017 zu ihm. Bei den Weltreiterspielen 2018 in den USA gewann das Paar in der Para-Dressur zwei Silbermedaillen und ist seither sowohl im Para- als auch im klassischen Dressurviereck erfolgreich unterwegs.
Im September des vergangenen Jahres startete Rodolpho mit der Stute Die Witte beim CDIO Aachen in der Kleinen Tour. Trotz der beeindruckenden Kulisse des traditionsreichen Turniergeländes, die die Stute sichtbar unter Spannung setzte, erzielte das Paar solide Ergebnisse.
Was Talent und Entwicklungspotenzial betrifft, gelten Die Witte sowie Don Frederic – ein Halbbruder von Don Henrico – als vielversprechende Kandidaten für einen Start in Dressur und Para-Dressur mit Blick auf Paris 2024. Beide Pferde standen im Besitz von Rodolphos enger Freundin und brasilianischen Reiterkollegin Tania Loeb Wald, die kürzlich verstorben ist. Rodolpho trauert um sie zutiefst und ist sich derzeit noch unsicher, ob er diese Pferde weiterhin sportlich einsetzen kann.
Don Henrico, mittlerweile 19 Jahre alt, präsentierte sich nach den Paralympischen Spielen in Tokio weiterhin fit und gesund. Rodolphos erklärtes Ziel mit ihm waren die Weltmeisterschaften in Dänemark im August 2022.
Hilfe von nah und fern
Als Don Henrico nach Paris kam, wusste Rodolpho, dass der Donnerhall-Enkel aufgrund einer Allergie zu Husten neigte. Staubarme Einstreu und gewässertes Heu hatten die Symptome bislang gut kontrolliert. Umso erleichterter war Rodolpho, dass ihm im Pariser Stall ein Haygain-Heubedampfer zur Verfügung gestellt wurde – eine Unterstützung, die sich aus mehreren Gründen als entscheidend erwies.
„Für uns ist die Zubereitung deutlich einfacher. Unsere Pferde bekommen dreimal täglich Heu, und das Einweichen ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Wenn nasses Heu im Sommer in der Sonne liegt, ist das problematisch: Es beginnt zu gären und es bilden sich Bakterien. Anfangs hat Don Henrico das gewässerte Heu gefressen, doch sobald es ein paar Stunden in der Sonne lag, hat er es verweigert.“
„Alles, was aus dem Haygain kommt, frisst Don Henrico“, fährt der Reiter fort. „Für uns ist das lebenswichtig.“
Als sich die COVID-19-Lockdowns in Paris verschärften, zog Rodolpho mit seinen Pferden nach Hagen um, wo er auf dem Sudenhof mit der renommierten Dressurausbilderin Holga Finken arbeitet. Parallel setzte er seine Tätigkeit für das Modehaus Dior fort und übernahm weiterhin die logistische Betreuung von Führungen und Ausstellungen der Kunstsammlung. Seine Mutter und seine Schwester begleiteten ihn, um ihn bei den Vorbereitungen für die Paralympischen Spiele in Tokio zu unterstützen.
Eine der größten Herausforderungen am neuen Standort in Deutschland war die Fortführung der Hochtemperatur-Heubedampfung. Haygain erklärte sich bereit, dabei zu helfen. Das patentierte Haygain-Verfahren reduziert bis zu 99 % der lungengängigen Reizstoffe und Allergene, die selbst in qualitativ hochwertigem Heu vorkommen können. Rodolphos HG-2000-Heubedampfer für ganze Ballen versorgte nicht nur seine drei Pferde, sondern auch weitere Stallpferde zuverlässig mit sauberem, gesundem Heu. Für den Einsatz in Tokio entsprachen jedoch Größe und Energiebedarf dieses Geräts nicht den dortigen Vorschriften.
An dieser Stelle kamen der brasilianische Springreiter Marlon Zanotelli und sein Bruder Mario Zanotelli, Hofmanager, ins Spiel. Sie hatten einen kleineren, leicht transportierbaren Haygain-Heubedampfer nach Tokio mitgebracht, um ihn dem gesamten brasilianischen Olympiateam zur Verfügung zu stellen. Zudem organisierten sie, dass dieses Gerät während der Paralympischen Spiele Rodolpho zur Verfügung stand.
Die Logistik des Weitermachens
Die Organisation der Reise nach Tokio und die Versorgung der Pferde stellten für alle Beteiligten eine komplexe Aufgabe dar – für Rodolpho jedoch keine unüberwindbare. Neben seiner beruflichen Tätigkeit, bei der er für Dior wertvolle Kunstwerke weltweit transportiert, ist er mit den zusätzlichen Anforderungen konfrontiert, die das gleichzeitige Starten im Para-Dressur- und im klassischen Dressursport mit sich bringt.
Ein wesentlicher Schritt ist dabei die Anmeldung bei der Internationalen Reiterlichen Vereinigung sowie die Beantragung von Ausnahmegenehmigungen für adaptive Ausrüstung im Dressursport. In Rodolphos Fall umfasst dies unter anderem Zügel mit Schlaufen zur Fixierung an den Handgelenken, magnetische Steigbügel zur Stabilisierung der Füße sowie den Einsatz einer Gerte, die in der Grand-Prix-Dressur normalerweise nicht erlaubt ist. Die Gerte dient als Ausgleich für den eingeschränkten Einsatz seiner Beine.
Neben seiner Vollzeitbeschäftigung und der Ausbildung von drei Pferden teilt Rodolpho seine Geschichte regelmäßig in Vorträgen. „Selbst wenn ich nur eine Kleinigkeit sagen kann, die jemanden im Alltag berührt, bin ich glücklich“, sagt er in einem von Dior produzierten Going Forward-Video. Auch unmittelbar nach seiner Erkrankung habe er keine Energie darauf verwendet, sich zu wünschen, dass all dies nicht geschehen wäre. In vielerlei Hinsicht, so sagt er, „hat es mich zu dem gemacht, was ich heute bin“.
Rodolpho ist überzeugt, dass seine Erfolge in der Para-Dressur auch seine Pferde positiv beeinflusst haben. Zwar sind die Bewegungsanforderungen technisch weniger anspruchsvoll, doch die für hohe Bewertungen notwendige Präzision, Losgelassenheit und Durchlässigkeit verlangen eine konsequente Umsetzung der klassischen Grundlagen der Dressur.
Unabhängig davon, ob mit oder ohne körperliche Einschränkungen: Spitzenleistungen im Pferdesport sind stets das Ergebnis jahrelanger Hingabe, Disziplin und harter Arbeit. Die Silbermedaille von Tokio und der öffentlich gewordene ambitionierte Plan, 2024 in Paris sowohl in der Para-Dressur als auch in der Dressur an den Start zu gehen, haben das öffentliche Interesse an Rodolpho weiter verstärkt. Besonders wichtig ist ihm dabei, dass der Fokus nicht auf dem liegt, was er verloren hat, sondern auf dem, was er gemeinsam mit seinen Pferden erreicht hat. „Das bedeutet mir persönlich sehr viel.“
Das Ziel, 2024 auf der größten Bühne beider Sportarten erneut erfolgreich zu sein, ist ohne Zweifel außergewöhnlich ambitioniert. Haygain fühlt sich geehrt, Rodolpho und seine Pferde auf diesem Weg begleiten und unterstützen zu dürfen.
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