Neulich wurden wir gefragt:
„Kann man schimmeliges Heu durch Bedampfen wieder aufwerten?“
Unsere spontane Gegenfrage lautet dann oft:
Wenn du ein verschimmeltes Toastbrot hast und es in den Toaster steckst – würdest du es danach essen wollen?
Die meisten Menschen beantworten diese Frage ohne nachzudenken mit „Nein“.
Natürlich ist Heu nicht mit Toastbrot gleichzusetzen. Trotzdem hilft dieses Beispiel dabei, einen wichtigen Punkt zu verstehen: Durch Hitze allein wird aus einem bereits verdorbenen Futtermittel nicht automatisch wieder ein hochwertiges Lebensmittel.
Genau deshalb lohnt es sich, einen Blick auf die Wissenschaft hinter Heubedampfung und Heuhygiene zu werfen.
Schimmel ist häufig mehr als das, was man sehen kann
Wenn auf einem Heuballen sichtbarer Schimmel erkennbar wird, handelt es sich oft nicht nur um ein oberflächliches Problem. Schimmelpilze bilden ein Geflecht aus mikroskopisch feinen Pilzfäden, den sogenannten Hyphen, die sich durch das Pflanzenmaterial ausbreiten können. Die sichtbaren weißen, grauen oder grünlichen Beläge stellen häufig lediglich die Fruchtkörper dar – also den Teil des Pilzes, den wir mit bloßem Auge erkennen können.
Aus futtermittelhygienischer Sicht bedeutet das, dass die sichtbare Stelle oft nicht das gesamte Ausmaß einer Kontamination widerspiegelt. Bereits bevor Schimmel sichtbar wird, können erhöhte Mengen an Pilzsporen oder mikrobiellen Stoffwechselprodukten vorhanden sein.
Gerade bei Rund- oder Quaderballen lässt sich deshalb anhand einer kleinen auffälligen Stelle kaum zuverlässig beurteilen, wie weit sich die Belastung im Inneren bereits ausgebreitet hat.
Warum die Heuqualität für die Atemwegsgesundheit so wichtig ist
Pferde verbringen einen Großteil ihres Tages mit der Aufnahme von Raufutter. Dabei gelangen nicht nur Nährstoffe in den Körper, sondern auch Staubpartikel, Mikroorganismen und organisches Material in die Atemwege.
Die Forschung der vergangenen Jahre hat den Zusammenhang zwischen Heuhygiene und Atemwegsgesundheit sehr deutlich gezeigt. Insbesondere bei Pferden mit Equinem Asthma spielt die Qualität des Heus eine zentrale Rolle.
Zu den potenziell problematischen Bestandteilen gehören:
- Schimmelsporen
- Bakterien
- Endotoxine
- respirable Staubpartikel
- Fragmente von Pilzen und Pflanzenmaterial
Mehrere Untersuchungen konnten nachweisen, dass diese Partikel Entzündungsreaktionen in den Atemwegen fördern können. Deshalb gehört die Optimierung der Fütterung heute zu den wichtigsten Maßnahmen im Management von Pferden mit chronischen Atemwegserkrankungen.
Was passiert beim Heubedampfen?
Moderne Hochtemperatur-Heubedampfer wurden entwickelt, um die hygienische Qualität von Heu zu verbessern.
Anders als beim einfachen Anfeuchten oder Einweichen wird das Heu dabei mit heißem Wasserdampf behandelt. Ziel ist es, die Belastung durch lebensfähige Mikroorganismen sowie die Menge an inhalierbaren Staubpartikeln zu reduzieren.
Studien von Moore-Colyer und Kollegen konnten zeigen, dass eine Hochtemperatur-Heubedampfung die Konzentration von Schimmelpilzen und Bakterien im Heu deutlich senken kann. Gleichzeitig wurde eine erhebliche Reduktion der respirablen Staubfraktion festgestellt – also jener Partikel, die besonders tief in die Atemwege gelangen können.
Diese Ergebnisse erklären, warum bedampftes Heu heute bei vielen Pferden mit empfindlichen Atemwegen oder Equinem Asthma als wertvolle Managementmaßnahme eingesetzt wird.
Die entscheidende Frage: Verbessern oder retten?
An dieser Stelle wird häufig ein wichtiger Unterschied übersehen.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Heubedampfung beschäftigen sich überwiegend mit der Frage, wie sich die hygienische Qualität von gutem oder zumindest hygienisch akzeptablem Heu verbessern lässt.
Das ist etwas völlig anderes als die Frage, ob man bereits verschimmeltes Heu wieder zu hochwertigem Pferdefutter machen kann.
Denn selbst wenn die Anzahl lebensfähiger Schimmelpilze durch Hitze reduziert wird, bleibt das Ausgangsmaterial ein Heu, das bereits mikrobiologisch geschädigt war.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist deshalb zwischen zwei Aussagen klar zu unterscheiden:
Heubedampfen kann die hygienische Qualität von Heu verbessern.
Und:
Heubedampfen kann verdorbenes Heu nicht wieder in hochwertiges Heu verwandeln.
Genau hier passt das Beispiel mit dem Toastbrot so gut.
Ein verschimmeltes Toastbrot wird durch das Toasten heißer. Die Hitze verändert aber nichts daran, dass das Brot ursprünglich verdorben war. Niemand würde deshalb ein verschimmeltes Brot als hochwertiges Lebensmittel betrachten, nur weil es anschließend getoastet wurde.
Dasselbe Prinzip gilt für Heu.
Gute Rohware bleibt die Grundlage
Die Qualität des Ausgangsmaterials ist und bleibt der wichtigste Faktor.
Kein Verfahren – weder Bedampfen noch Einweichen noch andere Aufbereitungsmaßnahmen – kann grundlegende Fehler bei Ernte, Trocknung oder Lagerung vollständig ausgleichen.
Deshalb beginnt gutes Heumanagement nicht im Heubedampfer, sondern bereits:
- auf der Wiese,
- beim richtigen Erntezeitpunkt,
- während der Trocknungsphase,
- bei der Lagerung
- und bei der regelmäßigen Qualitätskontrolle der Ballen.
Erst wenn diese Grundlagen stimmen, kann die Heubedampfung ihren vollen Nutzen entfalten.
Warum das Thema aktueller denn je ist
Die Frage nach schimmeligem Heu wird heute häufiger gestellt als noch vor einigen Jahren. Viele Betriebe kämpfen mit wechselhaften Wetterbedingungen während der Ernte, längeren Feuchtigkeitsperioden und zunehmenden Herausforderungen bei der Beschaffung gleichbleibend hochwertiger Raufutterchargen.
Gerade deshalb ist die Versuchung groß, grenzwertige Ballen doch noch zu verwenden.
Verständlich ist dieser Gedanke durchaus – wissenschaftlich betrachtet bleibt jedoch die zentrale Erkenntnis unverändert:
Heubedampfung ist eine hochwirksame Maßnahme zur Verbesserung der hygienischen Qualität von Heu und zur Unterstützung eines staubarmen Fütterungsmanagements. Sie wurde jedoch nicht entwickelt, um bereits verschimmeltes Heu wieder zu hochwertigem Pferdefutter zu machen.
Quellen
- Moore-Colyer M.J.S., Taylor J.L.E., James R. (2016). The effect of steaming and soaking on the respirable particle, bacteria, mould and nutrient content of hay for horses. Journal of Equine Veterinary Science.
- Moore-Colyer M.J.S., Lumbis K., Longland A., Harris P. (2014). The effect of five different wetting treatments on the water-soluble carbohydrate content and microbial concentration in hay for horses. PLoS ONE.
- Couëtil L.L. et al. (2024). Consensus Statement on Equine Asthma. Journal of Veterinary Internal Medicine.
- Pirie R.S. (2014). Respirable dust and respiratory health in horses. Equine Veterinary Education.
- Menzies-Gow N.J. et al. Empfehlungen des European College of Equine Internal Medicine zum Management von Equinem Asthma.